altaugsburggesellschaft e.v.

Offenes Thema "Fünffingerlesturm"

Über den Umgang mit einem sehr speziellen Baudenkmal




Wer heute in der unteren Jakober- Vorstadt flanieren möchte, oder als Tourist die Stadtmauer erkundet, sieht sich angesichts eines der beliebtesten Gebäudes unserer Stadt enttäuscht. Enttäuscht war auch ich, als ich mit der Wahl zum ersten Vorsitzenden der altaugsburggesellschaft unter anderem die (Mit-) Verantwortung über einen jahrelangen Rechtsstreit übernommen habe. Den Streit zwischen der Stadt Augsburg als Genehmigungsbehörde für Bauanträge und der altaugsburggesellschaft.

Hervorgegangen ist dieser aus einem Wahlkampfgetöse im Jahr 2008, als politische Gruppierungen einer Bürgerinitiative gegen die kurz zuvor errichtete moderne Treppenkonstruktion zur denkmalgerechten Erschließung des jahrelang vernachlässigten „Fünffingerlesturmes“ ein weites Schuss- Feld bereiteten und die Aufnahme der Nutzung verhinderten. Die Politik hat den allgemeinen Gesichtsverlust professionell sehr schnell weggesteckt. Nicht gelungen ist in den vergangenen neun Jahren die Lösung des angerichteten Dilemmas.

Um als neuer Vorsitzender der altaugsburggesellschaft den „Karren aus dem Dreck zu ziehen“ greife ich gerne die seinerzeitigen Gespräche um die Bedeutung des Gebäudes, den angemessenen Umgang mit der Substanz, den wirtschaftlichen Unterhalt und die didaktischen Möglichkeiten rund um dieses spezielle Denkmal wieder auf. Verwaltung und Politik haben Gesprächsbereitschaft gezeigt. Die altaugsburggesellschaft führt die Gespräche aus einer Position der Stärke, hat sie doch den Rechtsstreit in allen bisher angerufenen Instanzen für sich entschieden.


Eine Frage der Zielsetzung

Die altaugsburggesellschaft hat zum Satzungsziel den Erhalt und die Wiederherstellung gefährdeter Bau- und Kulturdenkmale in Augsburg. 

Nicht erst der Gestaltungsstreit aus dem Jahr 2008 hat die emotionale SeerosenBedeutung des Denkmals für die Augsburger Bürger herausgestellt.
Als „aus der Zeit gefallenes“ Relikt steht der Fünffingerlesturm für einen
sehr romantischen Blick in die Vergangenheit. Seit Abbruch der letzten Wehrmauer- Reste im Jahr 1930 freistehend, ist seine Wirkung mit
fensterlosen Öffnungen nahezu ruinös. Ein englischer Landschaftsarchitekt
des 19. Jahrhunderts hätte es nicht besser machen können. Diese Kulissenwirkung vor der weiten Wasserfläche des Stadtgrabens ist absolut schützenswert und sollte bei allen weiteren Maßnahmen herausgearbeitet werden.


Der Baukörper selbst bezieht seinen spannenden Charme aus der allseitigen Symmetrie der spitzen Dachkonstruktion mit den vier Ecktürmchen einerseits, und der Asymmetrie des Mittel- und Unterbaus andererseits. Unzweifelhaft ist das mehr bau- als kunsthistorisch bedeutende Bauwerk ein Archetyp spätmittelalterlicher Bauweise, durch Dr. Zeune datiert auf 1454. Eine Bauweise, die in dem durch die prächtigen Baumaßnahmen der Renaissance und des Barock geprägten Augsburg sehr rar ist.


Eine Frage der Substanz und des Unterhalts

Der Zahn der Zeit nagt jedoch auch an diesem FFTStadtgrabenBauwerk. Die Westfassade wird durch ungeleitetes Regenwasser durchfeuchtet. Die lediglich durch Stall- Draht- Gitternetze geschützten Fensteröffnungen lassen Regenwasser eindringen und werden zeitweise durch Vögel zerstört. Taubennägel verhindern eine Verkotung der Gesimse. Abhilfe könnte hier eine denkmalgerechte Einfach- Verglasung in den Nischen der Außenfassade mit naturbelassenen Eiche- Fenstern schaffen. Erhaltene Abbildungen belegen diese Art des Witterungsschutzes als historisch. Netze und Nägel würden überflüssig.

Unabhängig vom Turm ist die unmittelbare Umgebung des Stadtgrabens und der schmalen Grünzone in diesem Bereich in einem bedauernswerten Zustand. In Absprache mit dem Amt für Wasser- und Brückenbau kann hier mittelfristig eine Aufwertung im Zuge der Unterhaltsmaßnahmen geschaffen werden. Ein Beleuchtungskonzept hingegen gilt es neu zu entwickeln.


Eine Frage der Didaktik

Die vom Burgenforscher Dr. Joachim Zeune, Eisenberg- Zell, in einem FFTinnenGutachten vom 8. Juni 2005 nachgewiesenen Bauphasen werfen ein
klares Licht auf die zwar nicht sehr bedeutende Wehrtechnik der
Augsburger Wallanlagen. Tatsächlich gibt es hingegen unberührte Relikte aus der Entstehungszeit (z.B. die Torwinde „in situ“). Dieses historische Erbe dem interessierten Publikum zu zeigen, ist äußerst reizvoll.


Der Turm selbst regt als Relikt des mittelalterlichen Augsburg umso
mehr zu Betrachtungen des Aufstiegs und der Bedeutung Augsburgs
in der anschließenden Renaissance an. Denn das Silicon Valley der
Frühen Neuzeit ist für uns in den Holl- Bauten, also der relativen
Spätzeit heute am deutlichsten zu greifen. Die Mechanismen des materiellen Aufstiegs und die gesellschaftlichen Umbrüche, die wir als Renaissance bezeichnen, lassen sich im Kontrast hierzu aus der mittelalterlichen Perspektive, von der Warte des bürgerlichen
Wehrturms aus, sehr anschaulich erklären.



Eine Frage der Gestaltung

Die „in situ“ vorgefundenen Situationen sollten so unberührt wie möglich gehalten werden. Dies entspricht den historischen, wie dem romantischen Aspekten. Das über eine schmale, letzte Spindeltreppe erreichbare Dachgeschoss mit dem offenen, historischen Dachstuhl birgt eine ganz besondere Atmosphäre, die ausstellungstechnisch sehr viel Gespür des „Weniger ist mehr“ verlangt.

Im darunter liegenden Geschoss des ursprünglichen Wehrgang- Umlaufes FFTPrsentation wird ein karger Raum durch eine mit Eisen beschlagene Türe und eine a fresco Malerei aus der Entstehungszeit geschmückt. Als Kontrast könnte hier ein Ausstellungskonzept mit sehr wandelbaren und modernen Medien arbeiten, um keine „tote“ Ausstellung mit kurzer Halbwertszeit zu schaffen.

Von den insgesamt vier Ebenen ist die erste, ein Gewölbe mit 2,5 Meter Stichhöhe, barrierefrei erreichbar. Für einen kurzen Stop auf einem geführten Stadtrundgang ist dieser separate Raum sehr geeignet. Er kann beispielsweise mit einem Tor- Modell zur Erläuterung der Mechaniken oder weiteren plastisch anschaulichen Objekten didaktisch ausgestattet werden.

Dem Charakter nach wünsche ich mir eine interaktive Präsentation, die mehr einer Kunst- Installation nachempfindet als einem herkömmlichen Museum gleicht.


Eine Frage der Abwägung

Seinerzeit wurde mit Übertragung der Unterhaltsaufgaben an die altaugsburggesellschaft im Jahr 2004 die Ausstellungswürdigkeit des Turmes geprüft und eindeutig positiv beurteilt.

Eine durchgehende Treppenanlage, die Publikumsverkehr ermöglicht, ist nicht vorhanden. Die errichtete und nachträglich in Frage gestellte Außentreppe ist unangefochtenes Ergebnis der mit der Denkmalpflege seinerzeit abgewogenen Erschließungsvarianten. Inzwischen geäußerte alternative Ausführungsvorschläge fanden keinen Ansatz zur Umsetzung.

Die in der Bürgerinitiative gegen den Treppenbau erhobenen Stimmen sind einerseits verhallt, andererseits sind die gestalterischen Einwände einzelner Fachleute noch nicht aufgehoben.

In Rücksprache mit dem Architekten soll mit einem Farbmuster geprüft werden, den gegenwärtig dunkelgrauen Anstrich der Stahlkonstruktion auf den materialechten, ziegelähnlichen Farbton Corten abzuändern. Der mächtigen Wirkung des neuen Bauteils im Kontrast zur historischen Bausubstanz könnte damit begegnet werden.


Weiteres Vorgehen

Im Jahr 2015 wurde Bauantrag zur alternativen Lage des Treppenantritts auf der Ostseite gestellt. Dieser seither bei der Stadt Augsburg nicht abschließend bearbeitete Antrag ist alternativ zur ursprünglichen Lösung mit Aufweitung des Gehwegs oder Schaffung eines verkehrsberuhigten Bereichs vor dem Fünffingerlesturm in der Bauverwaltung abzuwägen.

Unabhängig von der offenen Frage der Erschließung des Turmes, sind die aufgeführten baulichen Mängel für weite Bereiche der erhaltenen Augsburger Stadtmauer auch über 70! Jahre nach dem zweiten Weltkrieg noch immer zutreffend. Die altaugsburggesellschaft wird sich berufen fühlen, bei diesem Thema ihren Beitrag zu leisten.

Sebastian BERZ
Augsburg, den 25.3.2017


Bildquellen: Jahresprogramm 2016 Bot. Garten Augsburg, Augsburger Allgemeine Zeitung, Voit & Partner GbR